Wer nicht fragt, bleibt dumm.

von Carsten Bornhöft
Neugieriger Mensch am Laptop mit visuellen Darstellungen von Technik und Wissen

„Wer, wie, was? Wer nicht fragt, bleibt dumm“ – dieser bekannte Satz aus dem Titellied der Sesamstraße lässt sich erstaunlich gut auf die heutige Welt der künstlichen Intelligenz übertragen. Wie und warum, beschreiben wir in diesem Artikel.

Wer erinnert sich nicht an die Sesamstraße? Eine Kindersendung, die Generationen begleitet hat und deren bekanntes Lied eine einfache Botschaft vermittelte. Wer etwas wissen möchte, muss Fragen stellen. Denn Wissen beginnt mit Neugier.

Was damals vor allem Kindern vermittelt werden sollte, bekommt im Zeitalter künstlicher Intelligenz eine neue Bedeutung. Sprachmodelle wie ChatGPT und Claude, aber auch Werkzeuge zur Bild-, Video- und Musikgenerierung können weit mehr, als Texte schreiben oder Bilder erzeugen. Sie ermöglichen, sich Wissen anzueignen, Zusammenhänge zu verstehen und Dinge zu entdecken, mit denen man sich vorher vielleicht niemals beschäftigt hätte.

Lernen, weil man etwas wissen möchte

In der Schule wurde weitgehend durch Lehrpläne, Unterrichtsfächer und Lehrkräfte bestimmt, wann wir uns mit welchen Themen auseinandersetzen sollten. Ob uns das jeweilige Thema interessierte, spielte für den Stundenplan zunächst keine Rolle. Natürlich gab es Lehrer, die Begeisterung wecken konnten. In einer Zukunft, in der künstliche Intelligenz eine immer größere Rolle spielt, wird es entscheidend darauf ankommen, inwieweit Lehrkräfte Kindern den sinnvollen Umgang mit diesen Technologien vermitteln können.

Künstliche Intelligenz eröffnet einen anderen Zugang. Nicht der Lehrplan gibt das Thema vor, sondern das eigene Interesse. Wir entdecken etwas, stellen eine Frage und bekommen eine Erklärung. Verstehen wir sie nicht, fragen wir erneut. Wir können uns einen Sachverhalt einfacher erklären lassen, ausführlicher betrachten oder aus einer anderen Perspektive untersuchen. Niemand muss befürchten, dass seine Frage als dumm angesehen wird.

Wenn aus einer Frage plötzlich Unterricht wird

Wir kaufen einen Gegenstand im Supermarkt, benutzen ihn und fragen uns plötzlich, wie er eigentlich funktioniert. Welche physikalischen Kräfte wirken darin? Welche chemischen Prozesse laufen ab? Warum wurde diese Konstruktion gewählt?

Früher hätten wir ein Fachbuch gesucht, jemanden gefragt oder lange recherchiert. Heute können wir den Gegenstand fotografieren und eine KI fragen. Aus einer einfachen Frage kann sich ein längeres Gespräch entwickeln. Eine Antwort führt zur nächsten Frage.

Ein Beispiel ist eine winzige 12-Volt-Batterie für eine Fernbedienung. Zunächst ging es nur darum, Ersatz zu finden. Doch dann entstand die Frage, wie zwölf Volt in eine derart kleine Batterie passen. Die Erklärung führte zur Reihenschaltung von acht winzigen Einzelzellen und zu den chemischen Grundlagen der Stromerzeugung. Aus einer Ersatzteilbeschaffung wurde ein kleiner Ausflug in die Elektrotechnik. Niemand hatte diesen Unterricht geplant.

Wenn Worte nicht ausreichen, helfen Bilder

Moderne KI-Anwendungen können technische Zeichnungen, Blueprints, dreidimensionale Darstellungen und Explosionszeichnungen erzeugen. Wer wissen möchte, wie ein Elektromotor aufgebaut ist, kann sich seine Bestandteile einzeln darstellen lassen. Wer einen mechanischen Zusammenhang nicht versteht, kann ihn mithilfe einer Illustration nachvollziehen.

Bildgeneratoren können abstrakte Vorstellungen veranschaulichen, Videogeneratoren Bewegungen und Abläufe zeigen und Musikgeneratoren musikalische Ideen hörbar machen. Wissen wird damit nicht nur über geschriebene oder gesprochene Worte vermittelt. Wir können es sehen, hören und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Die Bedienungsanleitung, die endlich verständlich wird

Wer kennt sie nicht, die Bedienungsanleitungen, die offenbar von Menschen geschrieben wurden, die ihr eigenes Gerät niemals bedienen mussten? Technische Fachbegriffe, komplizierte Satzkonstruktionen und Übersetzungen, die mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten. Manchmal liegt die Anleitung auch nur in einer Sprache vor, die wir nicht verstehen.

Eine Anleitung lässt sich hochladen, übersetzen und in verständlicher Sprache erklären. Einzelne Funktionen können genauer beschrieben und technische Zusammenhänge erläutert werden. Wir können nachfragen, warum ein Arbeitsschritt erforderlich ist oder welche Aufgabe ein Bauteil übernimmt. Das Ziel ist dann nicht mehr allein, einen Knopf richtig zu drücken. Wir können verstehen, was dieser Knopf eigentlich bewirkt.

Vielleicht klappt es dann sogar mit dem IKEA-Regal

Man steht vor einem Berg aus Brettern, Schrauben, Dübeln und einer Aufbauanleitung, deren Zeichnungen voraussetzen, dass man das fertige Möbelstück bereits kennt.

Man könnte die Einzelteile fotografieren, die Anleitung hochladen und sich die Konstruktion erklären lassen. Eine dreidimensionale Darstellung oder Explosionszeichnung könnte zeigen, welche Teile zusammengehören und in welcher Reihenfolge sie montiert werden müssen. Nicht jede KI-generierte Zeichnung wird technisch korrekt sein. Aber vorhandene Anleitungen durch zusätzliche Erklärungen und Visualisierungen zu ergänzen, eröffnet interessante Möglichkeiten.

Vielleicht gelingt es irgendwann sogar, ein IKEA-Regal aufzubauen, ohne zwischendurch an der eigenen Intelligenz zu zweifeln.

Künstliche Intelligenz regt die Fantasie an

Neben der pragmatischen Problemlösung gibt es eine weitere Seite. KI kann die Fantasie anregen. Wir können Fragen stellen, die wir uns bisher nicht gestellt haben, technische Ideen durchspielen, gestalterische Vorstellungen entwickeln oder uns mit wissenschaftlichen Zusammenhängen beschäftigen, für die uns bislang der Zugang fehlte.

Ein Gedanke lässt sich in Worte fassen, als Bild darstellen und vielleicht sogar animieren. Dabei geht es nicht zwangsläufig um ein fertiges Produkt. Schon die Beschäftigung mit einer Idee kann dazu führen, dass wir etwas Neues lernen. Die Fantasie liefert die Frage. Die künstliche Intelligenz kann helfen, ihr nachzugehen.

Bildung beginnt nicht erst im Klassenzimmer

Künstliche Intelligenz ersetzt weder Schule noch fundierte Ausbildung. Aber sie erweitert die Möglichkeiten, sich selbstständig Wissen anzueignen. Lernen muss nicht an einen festen Ort, eine Unterrichtsstunde oder einen Lehrplan gebunden sein. Es kann beim Einkaufen beginnen, beim Reparieren eines Geräts, beim Lesen einer Bedienungsanleitung oder beim Betrachten eines Gegenstands.

Besonders wertvoll ist die Möglichkeit, im eigenen Tempo zu lernen. Niemand muss nach 45 Minuten das Thema wechseln. Wer mehr wissen möchte, fragt weiter. Wer eine Erklärung nicht versteht, lässt sie sich anders formulieren. Wer Schwierigkeiten mit dem Lesen, Schreiben oder Rechnen hat, kann sich Inhalte auf andere Weise erklären lassen. Wer aufgrund seines Alters, seiner individuellen Fähigkeiten oder seines Bildungsstandes einen anderen Zugang zum Wissen benötigt, kann Fragen so stellen, wie es ihm möglich ist. Und warum sollte nicht schon ein fünfjähriges Kind, das sprechen kann, eine künstliche Intelligenz fragen dürfen, welcher Käfer gerade über den Gartenweg krabbelt? Neugier kann grenzenlos sein. Und eine künstliche Intelligenz wäre vermutlich in der Lage, diese Neugier zu befriedigen.

Wer nicht fragt, bleibt dumm

Der alte Satz aus der Sesamstraße hat nichts von seiner Bedeutung verloren. Vielleicht ist er heute aktueller denn je. Noch nie war es für so viele Menschen so einfach, Fragen zu stellen und sich komplexe Zusammenhänge erklären oder veranschaulichen zu lassen.

Entscheidend ist das Interesse. Künstliche Intelligenz macht uns nicht allein dadurch klüger, dass sie existiert. Wir müssen sie benutzen, Fragen stellen, Zusammenhänge verstehen wollen und bereit sein, Neues zu entdecken.

Wer nicht fragt, bleibt dumm. Wer aber neugierig bleibt, hat heute mehr Möglichkeiten denn je, etwas dazuzulernen.

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